Lasse los! Ist Loslassen so einfach?

Lasse los

 

Lasse los ist einfach gesagt. Ist Loslassen so einfach?

Hast Du schon mal einen Hund beobachtet, der sich ins Stöckchen seines Herrchens verbissen hat? Der sich mit aller Macht gegen das Aufgeben seiner Beute wehrt – bis er sogar fast in der Luft zappelt? Hast Du nicht schon einmal über seinen Besitzer geschmunzelt, der bei diesem Spiel mit seinem unnachgiebigen Vierbeiner als zweiter Sieger hervorgeht? Ich konnte dieses Spiel schon sehr oft an meinem Hund und mir beobachten.

Ich spreche hier von der Faszination des totalen Fokus – dem Tunnelblick – oft von Menschen erwünscht, jedoch schwer zu erreichen. Im Zupacken verschmelzen Wille, Entschlossenheit und Jagdleidenschaft des Hundes mit dem Stöckchen – so, als sei es das Begehrenswerteste der Welt. Natürlich ist diese extreme Identifikation zwischen Mensch und Aufgabe oft zu viel verlangt. Manche nennen diesen Zustand Flow.

 

Das Problem dabei?

Was, wenn Du Dich in etwas verbissen hast, für das es sich nicht zu kämpfen lohnt? Zum Beispiel eine Detailbesessenheit, die für das Endergebnis gar nicht mehr wichtig oder sogar hinderlich ist. Oder das Festhalten an einem Produkt, obwohl es schon lange seinen Platz in der vordersten Reihe verloren hat? Oder ein negatives Gefühl gegenüber einer Person, welche Dir Schmerz zugefügt hat?

In der afrikanischen Wüste nutzen die Menschen die Neugier der Paviane, indem sie sie fangen, damit diese sie zu überlebenswichtigen Wasserstellen in der Wüste führen. Zu diesem Zweck bohrt der Jäger ein Loch in einen verlassenen Termitenhügel und legt einen Köder hinein: Melonensamen. Befeuert von seiner Neugier vergisst der Pavian sämtliche Vorsicht, nähert sich dem Loch und steckt seine Hand hinein. Er greift zu. Die geballte Faust passt jedoch nicht mehr durch die Öffnung hindurch. Er schreit und zerrt. Seine Beute lässt der Affe selbst dann nicht los, wenn der Jäger ihm eine Schlinge um den Hals legt. Ist der Pavian in die Falle getappt, wird er mit Salz gefüttert. Das macht den Affen sehr durstig. Sobald er wieder frei ist, rennt er, ohne zu zögern, zu seiner geheimen Wasserstelle. So kommt der Jäger zu seinem Durstlöscher dem Wasser, welches er so dringend braucht.

Das Zupacken endet beim Hund in einem beliebten Jagdspiel. Beim Pavian in ungewolltem Teilen seiner Ressourcen. Er wird vorgeführt. Aber warum lassen Affe und Hund nicht mehr locker? Die Antwort: Weil sie sich mental festgekrallt haben. Sie sind nur noch auf das Eine fixiert. Sie sind zu Sklaven ihrer Engstirnigkeit geworden. Das macht sie in ihrem Handeln leicht berechenbar. Der Weg zur Freiheit, das Loslassen von ihrem geistigen Extremismus, kommt ihnen dabei gar nicht in den Sinn. Nicht nur Tiere verrennen sich.

Wir Menschen machen das je nach Bewusstseinszustand auf der ganzen Welt genauso. Vielleicht mit Ausnahme einiger Mönche und anderer Weiser.

 

Das glaubst Du nicht?

Betrachten wir uns selbst und unsere Mitmenschen, beobachten wir, wie schnell wir uns geistig verrennen. Wobei der Blick auf andere leichter ist als auf sich selbst. Wir belächeln den übermäßig Ehrgeizigen, der zum Sklaven seiner Erfolgsfixierung wird und sich und andere mental vergewaltigt. Wir alle sind keineswegs immun dagegen. Jeder trägt zumindest einen Samen geistigen Extremismus in sich. Je nach Prägungen und Erfahrungen zeigen sich bestimmte Muster. Zu leicht machen wir uns zu Sklaven unseres Perfektionismus, unseres Idealismus, unserer Gier nach guten Gefühlen, oder wir werden zum Leibeigenen der Vermeidung schlechter Gefühle. Oder wir wollen „Recht haben“ und behalten. Und setzen dafür andere auch schon mal ins Unrecht. Wir wollen vor anderen gut dastehen und liefern dafür gerne auch andere ans Messer. Wir differenzieren mangelhaft mit richtig, falsch, gut und böse. Wobei unsere Sicht der Dinge natürlich die „richtige“ ist, weil es die unsere ist. Sind wir selbst immer pünktlich, trauen wir einem notorisch unpünktlichen zu, dass er auch sonst unrechtes tut.

Derart gefangen, sind wir dem jeweiligen Gefühl ausgeliefert. Wir werden unbewusst von Mechanismen geführt, die uns kontrollieren. Wir sind am Anfang zumindest der Hund. Und wenn es ganz dumm läuft, am Schluss auch noch der Affe. Wir müssten eigentlich nur die Samen und die Stöcke freigeben und könnten frei sein. Stattdessen werden wir zu mentalen Extremisten, die sich kaum noch befreien können. Das gilt vor allem bei handfesten Partnerschaftsstreits. Mache doch mal den Versuch und filme Dich dabei. Anschließend wirst Du ggf. behaupten: „Das war ich nicht. Das war jemand, der sich verkleidet hat wie ich.“ 😉

 

Warum ist das so?

Zum einen ist das Loslassen (Loslassen ist was anderes als Verdrängen) manchmal sehr schwierig, und es ist eine immer wiederkehrende Herausforderung. Zum anderen ist die Sicht auf den eigenen Extremismus durch unsere blinden Flecken getrübt.

Das gilt für alle Gefühle, negative wie positive. Auch unserem Denken geht es so, wenn es zum Ausschnittsdenken wird. Immer, wenn Emotionen oder Gedanken ins Extreme abgleiten, werden wir zum Pavian vor dem Termitenhügel. Angenommen, Du wirst belogen. Wie reagierst Du? Verletzt? Misstrauisch? Dauerhaft? Siehst Du Dein Gegenüber jetzt generell als Lügner?

Wie ist es aber, wenn Du selbst lügst? Urteilst Du dann auch so pauschal, oder hast Du dann eine Berechtigungs-Ausnahmeerklärung parat? Eine Notlüge, weil Du den anderen vielleicht nicht verletzen wolltest? Ausreichende Distanz im persönlichen Erleben scheint schwierig. Je nachdem, wie sehr wir uns betroffen fühlen, messen wir mit zweierlei Maß. Maschinengewehrfeuer in Aleppo wirkt anders als in Deutschland. Ausländer, Flüchtlinge in der Türkei, Griechenland oder Italien wirken anders als in Deutschland. Das kann uns zu Wahrnehmungs-Extremisten machen.

Manchmal müssen wir auch zwischen den Extremen pendeln. Denke an den Idealisten, der unbeirrbar an andere glaubt. Er hat meist zwei Erfahrungen gemacht: Zunächst vertraut er zu viel. Das führt zwangsläufig zu Enttäuschungen. Eine Erfahrung, die das ursprüngliche Vertrauen in ein zu geringes Vertrauen, ein generelles Misstrauen umschlagen lassen kann.

Erst, wenn er anderen vergibt – immer wieder – kommt er zum klugen, bewussten Vertrauen. In die goldene Mitte.

 

Vergeben ist Loslassen

Vergeben ist Loslassen. Loslassen von Verletzungen, von Verurteilungen, Neid, Gier und jedem oberflächlichen Schubladendenken, das uns die Welt vereinfachen soll. Vergebe anderen und vergebe vor allem Dir selbst! Ohne uns und anderen regelmäßig zu vergeben, vergiften wir unsere Seele und verfremden unsere Wahrnehmung.

Bleiben wir im Extremismus verhaftet, werden wir schnell zum Opfer derer, die unsere Situation erkennen. Dann sind wir empfänglich für Manipulationen. Das geht hin bis zur Selbsttötung im Namen Gottes. Wie der Affe, der mit dem Salz zu seiner geheimen Wasserstelle gelockt wird.

Wenn ich loslasse, werde ich dagegen wieder mein eigener Herr. Dann werden die Gefühle zu einem mächtigen Gestaltungswerkzeug meiner Entwicklung. Ich bin mein Herr anstatt Sklave. Darauf kommt es an!

Diese Transformation ist aber nur möglich, wenn ich erkenne, dass es in einem Bereich ein Zuviel oder Zuwenig gibt.

 

Machst Du es Dir selber schwer?

Wo neigst Du zum Extremismus? Welcher Stock, welcher Melonensamen vereinnahmt Dich bis zur Blindheit? Hältst Du an einer Verletzung in der Vergangenheit, Deiner Verärgerung fest? Gehörst Du zu den Helikoptereltern, die ihre eigenen Ängste gut gemeint auf ihre Kinder übertragen und sie damit einengen? Oder bist Du eine Führungskraft, die allgegenwärtig sein und alles „im Griff haben“ will, bis hin zum Kontrollzwang? Vielleicht bist Du aber auch dabei Dich selbst fertig zu machen, in einer Art Selbstzerfleischungskampf? Oder flüchtest Du Dich in Arbeit und Aufgaben, damit Du keine Zeit zum Nachdenken und zur Besinnung hast? Am einfachsten bekommen wir das heraus, wenn wir Andere danach fragen. Sicherlich, das kostet Mut. Suche Dir dennoch mehrere, die ehrlich antworten können. Nehme nicht alles an. Auch „Feedback“ sollte sauber und gut durchdacht werden.

Mein eigenes Leben wäre für mich ohne ständig erneutes Loslassen undenkbar. Dafür habe ich zu viel erlebt. Während andere schnell dies und jenes noch zusätzlich machen, gestaltet sich das für mich manchmal schwierig, denn Hektik und Stress übertragen sich 1:1 auf meine Schmerzen. Wenn ich beginne, mich durch Vergleichen mit anderen zu verlieren, laufe ich Gefahr, mich in geistigen Extremismus zu verrennen. Immer wieder muss ich mich im Loslassen üben. Vielleicht kennst Du auch einen Behinderten oder Kranken, dem das nicht gelingt und der verhärtet in Selbstmitleid gefangen ist. Diese Gefahr ist groß.

Nur wenn ich so oft wie möglich ganz bei mir bleibe, bin ich in der Lage, mein Leben selbstbestimmt zu meistern. Und das bedeutet Freiheit. Es gibt für mich nichts Schöneres. Außerdem bringt es Ruhe, innere Ruhe…

Erst, wenn Du den eigenen Extremismus in Deinem Denken oder Fühlen erkennst, kannst Du ihn auflösen. Dir wird bewusst, warum Du handelst, wie Du handelst. In diesem Stadium kannst Du das Gefühl anerkennen und loslassen. Du entscheidest Dich bewusst für die goldene Mitte und lässt Dich nicht mehr von Extremen leiten. Hierin liegt der klare und distanzierte Blick auf sich selbst und schließlich auch auf andere.

 

Präsenz ist Achtsamkeit und geht sehr gut im Hier und Jetzt

Dieser Moment heißt „Präsenz“. Oder nenne ihn Achtsamkeit oder Wachheit. Ich bin präsent, wenn mir weder die Vergangenheit noch die Zukunft den Blick auf das versperren, was jetzt da ist. Dann bist Du weitestgehend frei von Bewertungen. Natürlich können wir das nicht immer sein. Bewertende Gedanken holen uns jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment immer wieder ein. In solchen Momenten ist es hilfreich, sich die Bewertung bewusst zu machen und einen klareren Blick auf die Situation zu werfen. Statt einem „gut“ oder „schlecht“, „richtig“ oder „falsch“ lasse einfach ein „interessant“ an diese Stelle treten. So kommst Du in die Präsenz zurück und kannst leichter loslassen.

Wie hilfreich ein freier Blick für bessere Entscheidungen und damit für bessere Ergebnisse ist, brauche ich Dir sicher nicht zu sagen. Daher: Lasse Deinen geistigen Extremismus los, wo es einfach dumm ist und setze ihn ein, wo es Sinn macht. Lasse Dich auf die Vielfalt ein, die Du in der Präsenz erleben kannst. Und nehme dann den kraftvollsten Blickwinkel ein, den Du erkennst. So werden Du und andere die Besten, die sie sein können.

Ich wünsche Dir gerade jetzt in der Adventszeit die Zeit der Besinnung und zum Jahresende die Kraft des Loslassens, damit Du möglichst frei und unbeschwert ins neue Jahr gehen kannst.

 

Deine Madeleine
Initiatorin Selbsthilfe Glück

 

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