Charakterstärke? Was ist eigentlich Charakterstärke?

Charakterstärke ein Augenpaar

Charakterstärke = Persönlichkeitsentfaltung?

Wer Charakterstärke hat gibt sich klar zu erkennen, mit allen Stärken und Schwächen. Egal, auf welcher Entwicklungsstufe er derzeit steht. Wissend, dass er nie vollkommen sein wird. Wer den Mut hat, seine eigenen hellen und dunklen Seiten zu erkennen und zu akzeptieren, der kann auch mit der Fehlbarkeit anderer besser leben. Das gilt für Führungskräfte genauso wie für Mitarbeiter. Das gilt für den Partner, für Freunde, für die Familie, für die Kinder, für jeden Menschen, der sich weiterentwickeln will.

Perfektionismus

Eine der größten Geißeln der Menschheit ist der Perfektionismus – der Wunsch, ein idealer Mensch zu sein oder einem idealen Menschen zu folgen. Dabei verblendet der Perfektionismus unsere Wahrnehmung und hält uns von unserem eigenen Charakter – unserer inneren Realität – fern. Er zeigt sich u.a. auch in dem Bild der „Unverletzbarkeit“, dass manche nach außen abzugeben versuchen. Der Starke, der alles kann und immer souverän ist. Weil wir aber niemals vollkommen sind, sondern immer vor der nächsten Entwicklungsstufe stehen, zerreißt uns die äußerlich demonstrierte Perfektion innerlich. Wir brennen aus.

Perfektionismus hat u.a. auch sehr viel mit kleinlich, pingelig sein zu tun. Damit gängelt man sich entweder selbst oder andere. Man setzt sich oder andere unter Druck, obwohl man es nie 100%ig richtig machen kann. Es bedarf dann der „Gnade des Perfektionisten“ ob es nun gut genug ist. Wofür soll das gut sein? Manche benutzen den Perfektionismus als Machtspiel, zur Manipulation von anderen oder sich selbst. Solltest Du zum Perfektionismus neigen, dann empfehle ich Dir mal ausführlich über dieses Thema nachzudenken und den Perfektionismus in seiner Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Oder verbirgst Du was hinter Deinem Perfektionismus? Versuchst Du damit von einer Schwäche von Dir abzulenken oder sie zu kaschieren?

Menschen mit Charakterstärke zeigen nach außen, auf welcher Stufe der Entwicklung sie wirklich stehen. Sie nehmen einen Standpunkt ein, sind greifbar und damit auch angreifbar. Dadurch gewinnen sie ihren unverwechselbaren Charakter, gleichzeitig werden sie verletzbarer.

Um Charakter zu beweisen und mich so zu zeigen, wie ich wirklich bin, muss ich etwas ganz Einfaches tun, das gleichzeitig das Schwierigste überhaupt ist: Ich muss mich selbst so annehmen, wie ich bin. Ehrlich mir selbst gegenüber zu sein, ist schwierig. Wenn ich mich selbst ungeschminkt ansehe und aushalte, kann ich lernen, meine Unvollkommenheit zu akzeptieren. Ich lerne, meine Fehler nicht zu verheimlichen, sondern öffne mich und “ent-wickle” dadurch auch andere. Für authentische Stärken wirst Du respektiert, für authentische Schwächen geliebt!

Ungeduld

Zu seinen Fehlern zu stehen, bedeutet nicht, mit vermeintlichen Fehlern zu kokettieren. Fast schon ein Klassiker ist das Bekenntnis zur „Ungeduld“ als persönlicher Fehler. Viele antworten im Bewerbungsgespräch auf die Frage, was ihr größter Fehler sei, wie aus der Pistole geschossen: „Ungeduld.“ In Wirklichkeit sehen sie das natürlich gar nicht als Fehler, sondern denken, ihre Ungeduld sei ein Beweis ihrer besonderen Dynamik und Entschlussfreude. Damit wollen sie punkten. Doch Ungeduld hat mit Dynamik und Entschlussfreude nicht das Geringste zu tun. Ungeduld ist eher ein Fehler, eine Schwäche.

Ungeduld heißt, Angst zu haben, etwas nicht zu schaffen. Ein Merkmal von Ungeduld ist mangelndes Vertrauens in sich selbst und andere. Tiefer betrachtet zeigt die Ungeduld oft auch mangelnden Ehrgeiz, denn um hohe Ziele zu erreichen, braucht man viel Geduld.

Ich würde niemals eine Führungskraft einstellen, die mit stolzgeschwellter Brust von sich behauptet, ungeduldig zu sein. Wirklich ungeduldige Menschen sind zur Führung anderer charakterlich nicht geeignet. Wenn dagegen eine angehende Führungskraft im Bewerbungsgespräch auf die Frage nach ihrem größten Fehler antworten würde: „Ich werde immer sauer, wenn ein Mitarbeiter eine meiner Entscheidungen kritisiert.“ Dann wäre ich neugierig auf denjenigen, denn eine solche Antwort zeigt Charakter. Charakterstärke ist der offene Umgang mit der dunklen Seite der eigenen Persönlichkeit, auch wenn es wie hier in dem Beispiel zeigt, dass er schlecht mit Kritik über seine Entscheidungen umgehen kann.

Charakter in einem starkem Team

Charakter zu zeigen, heißt, sich zu erkennen zu geben. Ja, es kann sogar heißen, sich selbst zu demaskieren. Der Preis, den man für diese Öffnung zahlt, ist die Verletzbarkeit. Das ist Charakterstärke. Im Gegenzug bekommt man Vertrauen. Vertrauen darauf, dass die Wahrheit heilt. Nur eine Führungskraft, die sich wirklich öffnet, kann für andere zum Vorbild werden. Und nur ein Team von Führungskräften und Mitarbeitern, in dem man sich gegenseitig wirklich kennt, in dem wahre Charaktere arbeiten, wird sich gegenseitig befruchten.

Früher als ich verschiedene Teams zu führen hatte, erlebte ich jedes Mal das Gleiche: Ich forderte von Anfang an eine offen Fehlerkultur ein und lebte diese auch vor. Die Mitarbeiter fanden es zunächst sehr ungewöhnlich das ich als Chef, ihnen gegenüber zu meinen eigenen Fehlern, Vergesslichkeiten offen stand. Zunächst hatten sie große Schwierigkeiten damit und wussten nicht wie sie damit umgehen sollten, wenn ich meine Fehler unmissverständlich und sofort zugab. Manche äußerten das auch, dass sie so etwas noch nie erlebt hätten. Mit der Zeit lernten sie aber daraufhin, dass ich genau das auch von ihnen erwartete, um schnell Lösungen finden zu können und aus einem kleinen Fehler kein großes Problem werden zu lassen. Sie verloren dabei die “Angst”, dass sie ggf. ihren Arbeitsplatz durch offene Fehlerbekundung oder Ehrlichkeit verloren, aber sie lernte recht schnell, dass ich bei umgekehrten Verhalten recht ungemütlich werden konnte. 😉

Manchmal erstaunte mich wie selbstverständlich vertuschen, verheimlichen, abschieben usw. zunächst verbreitet sind und wie schwer sich manche Mitarbeiter taten zu ihren Fehlern oder Vergesslichkeiten zu stehen. Ich denke, so etwas sagt auch viel über unsere Gesellschaft, unser System in dem wir groß werden und die Struktur aus…

Angenommen werden, Angenommensein

Letztendlich führte diese Offenheit immer zu mehr Vertrauen. Einen stärkeren Zusammenhalt im Team mit entsprechend besseren Abläufen und größeren Erfolgen. Da jeder merkte er wird trotz seiner Schwächen angenommen und akzeptiert. Die Entwicklung das der einzelne sich verbessern möchte oder an sich selber arbeitet, kommen dann von ganz allein. Niemand macht die Fehler vorsätzlich oder sind ihm egal, außer er hat bereits innerlich gekündigt, doch dann ist ein viel größeres Problem bereits da. Das ist für mich gute Führung: erst kommt das Angenommensein wie man ist, dann das Vertrauen in sich und andere und später die Persönlichkeitsweiterentwicklung und wahre Persönlichkeitsentfaltung.

Zu seinen Fehlern wirklich zu stehen hat für mich auch sehr viel mit Verantwortung übernehmen zu tun. Verantwortung hat in negativen wie in positiven Bereichen eine tragende Schlüsselrolle. Nur durch die Übernahme meiner Verantwortung positiv wie negativ bleibe ich in meiner Kraft und bin frei. Nur dann kann ich agieren und begebe mich nicht in die Opferrolle.

Dein Charakter, Deine Charakterstärke (Persönlichkeitsentfaltung) – eine Lebensaufgabe?

Seinen Charakter zu formen, weiterzuentwickeln ist eine Lebensaufgabe. Wenn Du Dich weiterentwickelst heißt das nicht das Du ein Egomane oder Narzisst bist, sondern indem Du Dein ICH stärkst kannst Du das WIR besser im Blick haben.

D.h. mit anderen Worten auch, das die Kraft des ICH die Voraussetzung ist, um ein starkes WIR zu entwickeln. Nur wenn Du stark und gefestigt bist kannst Du Deinen Beitrag im WIR leisten und andere ggf. sogar unterstützen sich weiterzuentwickeln. Erst wenn es Dir gut geht, kannst Du anderen guttun. Wenn Du stark bist, hast Du genug Kraft andere zu unterstützen oder zu führen. Doch damit Du stark und gefestigt bist, musst Du Deinen Charakter mit all Deinen Stärken und Schwächen sehen, dazu stehen und Deine Charakterstärke entwickeln.

Wie ist das dabei mit dem ICH und dem WIR?

Es gibt keinen Konflikt zwischen Ich und Wir. Die Kraft des Ich ist die Voraussetzung, um ein starkes Wir zu entfalten. Das Ziel ist die Erkenntnis, dass Ich und Wir kein Kampf sind.

Derjenige der im ICH stecken bleibt, dem wird entweder irgendwann langweilig und wendet sich dem WIR zu. Wir sind soziale Wesen oder er ist mit anderen Konflikten verhaftet, z.B. mangelnder Selbstliebe, mangelnder Selbstachtung, mangelndem Selbstwert … was er im Außen bestätigt bekommen muss, indem er sein ICH zur Schau stellen muss.

Ich bin im WIR-Bewusstsein aufgewachsen, ohne das ICH ausreichend auszubilden und dieser Weg funktioniert auf Dauer auch nicht. Dabei besteht die Gefahr des Ausbrennens, Burnout, sich selber nicht fühlen und nicht finden, des Aufopferns, abhängiger Persönlichkeitsstrukturen, Helfersyndrom, Depressionen oder andere Krankheiten …

Ich weiß aus eigener Erfahrung, man muss immer das ICH finden und stärken um ein gutes und dauerhaftes WIR zu entwickeln. Aus dem WIR das ICH zu entwickeln ist sehr schwierig und funktioniert meiner Erfahrung meistens bzw. sehr oft nur durch „Katastrophen“, tiefste Verletzungen und Krankheiten …, wenn man sich nicht vorher Unterstützung gesucht hat.

In diesem Sinne wünsche ich Dir eine gute Zeit über Dich und Deine Charakterstärke nachzudenken. Auf welcher Entwicklungsstufe stehst Du dabei?

Viel Spaß bei Deiner Selbstreflexion.

 

Deine Madeleine
Initiatorin Selbsthilfe Glück

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